Geschichte der Mordstätte Sobibór

Sobibór ist ein kleines Dorf im heutigen Ostpolen. Es liegt nicht weit vom Bug entfernt, dem Grenzfluss zwischen Polen, der Ukraine und Weißrussland. Die Bahnstation Sobibór liegt etwa acht Kilometer vom Dorf Sobibór entfernt an der Bahnlinie zwischen Chełm und Włodawa. In diesem abgelegen, waldreichen und sumpfigen Gebiet befand sich bis Anfang 1942
eine kleine Wohnsiedlung für Beschäftigte der polnischen Eisenbahngesellschaft und der Forstverwaltung.

Aufbau des Mordlagers

Im Spätherbst 1941 beobachteten polnische Eisenbahner wiederholt, dass sich Deutsche für das Gebiet interessierten, es untersuchten und
Vermessungen vornahmen. Im Februar 1942 begannen auf dem Gelände gegenüber dem Bahnhof Sobibór die Bauarbeiten für das zweite Mordlager der „Aktion Reinhardt“. Ab Mitte März 1942 wurden im 160 Kilometer entfernten Bełżec bereits Mordaktionen gegen Jüdinnen und Juden in den Gaskammern durchgeführt. In Treblinka, das dritte Mordlager der „Aktion Reinhardt“, begann das Morden wenige Monate später im Juli 1942. In diesen drei Mordlagern wurden insgesamt mindestens 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden getötet. Die ersten Bauarbeiten bei der Errichtung der Mordstätte Sobibór beaufsichtigte Richard Thomalla, Leiter der SS-Zentralbauleitung in
Zamość. Die deutsche Zivilverwaltung des Kreises Cholm (deutsche Bezeichnung für Chełm) stellte das Material zur Verfügung: Pfähle, Barackenteile, Ziegel und Stacheldraht. Weitere Baustoffe wurden durch den
Abriss jüdischer Wohnhäuser beschafft. Bei den Aufbauarbeiten wurden Juden eingesetzt, die man aus den Ghettos und Zwangsarbeitslagern der Umgebung heranzog. Die Bauern der Umgebung wurden beauftragt, mit ihren Fuhrwerken das Baumaterial ins spätere Lager zu transportieren. Einige wenige Gebäude nahe der Bahnstation wurden ins Lager integriert. Ein als Postamt dienendes Haus wurde zur Unterkunft für die deutschen Täter genutzt, ein Forsthaus als Verwaltungsgebäude. Auf dem Gelände der Mordstätte befand sich zudem eine katholische Holzkapelle, die zuvor von den Anwohner*innen der Umgebung genutzt wurde.

Eingang des Mordlagers1

Vorlager
1 – Wache
2 – Zahnarzt/Arrestzelle Trawniki
3 – Neues Kasino
4 – Garage/Friseur der Lager-SS
5 – Waschraum der Lager-SS
6 – Wäscherei
7 – Altes Kasino
8 – „Schwalbennest“, diente als Unterkunft
9 – Magazin und Bügelstube der Lager-SS
10 – Unterkunft Trawniki
11 – Altes Posthaus (existiert noch)
12 – Munitionslager
13–15 – Unterkunft Trawniki
16 – Kasino Trawniki
17 – Unterkunft für Zugführer Trawniki

Lager II
1 – Ehemaliges Forsthaus
2–3 – Lebensmittelmagazine
4 – Schweinestall
5 – Pferdestall
6 – Scheune
7 – Wirtschaftsgebäude
8 – Schuhmagazin
9 – Feuermeldeturm
10–15 – Sortierbaracken
16 – Abgabe Handgepäck
17 – Haarschneidebaracke
18 – Wachturm
19 – Auskleideplatz
20 – „Schalter“ am Eingang zum „Schlauch“

Lager I
1 – evtl. Werkstatt oder Toiletten
2–4 – Werkstätten
5 – Bäckerei
6 – Schusterei Trawniki
7 – Werkstatt
8 – Baracke Frauen
9 – Küche Lager I
10–11 – Baracken Männer
12 – Malerwerkstatt

Lager III
1 – Gebäude mit den Gaskammern
2 – Wohnbaracke jüd. Sonderkommando Lager III
3 – Küche Lager III
4 – Leichenverbrennung
5 – Bereich der Massengräber

Weitere Bauten
S 1 – Bahnhofsgebäude
S 2 – Wachtürme
S 3 – Kapelle aus der Vorkriegszeit (Erschießungsstelle)

Das Areal der Mordstätte Sobibór war anfänglich etwa 600 Meter lang und 400 Meter breit, im Sommer 1943 wurde das Gelände auf 1000 mal 400 Meter erweitert. Das Lagergebiet war von einem drei Meter hohen, mit
Zweigen durchflochtenen doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. Der Zaun sollte nicht nur die Flucht von jüdischen Gefangenen verhindern, sondern auch vor neugierigen Blicken, beispielsweise aus den vorbeifahrenden Zügen, schützen. Während der gesamten Zeit seines Bestehens befand sich das Lager im Aus- oder Umbau. Die Deutschen ließen weitere Unterkünfte, Magazine und Werkstätten erbauen. Das eingezäunte Terrain von Sobibór war zunächst in vier, ab Sommer 1943 in fünf Bereiche unterteilt, wie der
nebenstehenden Karte zu entnehmen ist. Im sogenannten Vorlager der Mordstätte befand sich der Wohn- und Freizeitbereich für die deutschen Täter und die Trawniki. Die sogenannten Trawniki waren zumeist
sowjetische Kriegsgefangene, bevorzugt Volksdeutsche und Ukrainer, die in einem Ausbildungslager in der Ortschaft Trawniki eine kurze militärische Ausbildung durchliefen. Ab Mitte 1943 meldeten sich auch Zivilisten aus dem Distrikt Lublin freiwillig zu diesen Einheiten. Die Trawniki wurden u.a. bei der Auflösung der Ghettos und in den Mordlagern der „Aktion Reinhardt“ als Wachmänner eingesetzt. Im Vorlager mussten jüdische Gefangene u.a. auch Blumenbeete anlegen und pflegen. Die Täter wollten in einer gepflegten Anlage und in unverfänglicher Atmosphäre wohnen und ihre Freizeit verbringen. Dazu sagte Jahrzehnte später die Sobibor-Überlebende Eda Lichtman: „Wenn man in das Lager hineinkam, machte es den Eindruck eines
Erholungsortes. Ästhetisch gebaute Villen, Kasino, Gärten, mit Kies bedeckte Pfade, Rasenflächen, Blumenbeete, Rosen- und Sonnenblumenalleen
vertuschten sorgfältig und täuschten das Auge fremder Ankömmlinge darüber hinweg, dass dort die Todesfabrik war.“

Blick auf das Vorlager1
Das neue Kasino im Sommer 19431
Eda Lichtman mit ihrem Mann Izchak nach dem Krieg2

An das Vorlager grenzte das Lager I, abgetrennt durch Stacheldrahtzäune. In diesem Bereich befanden sich die Unterkunftsbaracken der jüdischen Gefangenen und Werkstätten: Schusterei, Schreinerei, Tischlerei u.a. Unter Franz Stangl, dem ersten Kommandanten des Lagers, gab es auch einen Goldschmied, der für die deutschen Täter u.a. aus Zahngold Schmuck
herstellen musste.

Blick über Lager I und das Vorlager 19431

Lager II war der „Aufnahmebereich“ des Lagers, in dem sich die angekommenen Jüdinnen und Juden auf einem Auskleideplatz ausziehen und ihr Gepäck abgeben mussten. Im Bereich des Lagers II wurde auch die geraubte Habe der Ermordeten nach Wertgegenständen durchsucht, sortiert und aufbewahrt. Im Lager II befand sich zudem der sogenannte Erbhof, ein abgeschlossenes Areal u.a. mit Pferde-, Schweine-, Gänse- und Kaninchenställen. Das ehemalige Forsthaus innerhalb des Lagers II nutzten die Deutschen als Verwaltungs- und Wohngebäude. Ein mehrere hundert Meter langer Weg verband das Lager II mit dem Tötungsbereich im Lager III. Dieser Weg war mit einem Stacheldrahtzaun mit eingeflochtenen Zweigen eingefasst. Am Ende dieses von den deutschen Tätern als „Schlauch“ benannten Weges befand sich das Lager III mit den Gaskammern und Leichengruben. Die Gaskammern befanden sich in einem Gebäude, das im Sommer 1942 erweitert wurde. Es wurde ein 200 PS-Motor im April 1942 aus Lemberg (heute Ukraine) geholt. Er produzierte das tödliche Kohlenmonoxid, das über Brausen-Attrappen in die Kammern geleitet wurde. Jede Kammer hatte einen zweiten Ausgang, durch den man die Körper der Ermordeten zu den riesigen Leichengruben brachte. Dort wurden die Leichen verscharrt. Ab Spätherbst 1942 begann man, die Leichen auf großen Scheiterhaufen zu verbrennen. Für die Gefangenen, die in diesem vom restlichen Lager isolierten Bereich arbeiten mussten, gab es einen eigenen abgeteilten, eingezäunten Unterkunftsbereich.
Ab Sommer 1943 begann man mit dem Bau von Lager IV im nördlichen Bereich der Mordstätte. Es gab den Plan, in Sobibór Beutemunition für die Wehrmacht zu lagern und aufzuarbeiten. Dafür wurde das Lagergelände großzügig erweitert und mehrere bunkerähnliche Gebäude in diesem Lagerteil errichtet. Die Arbeiten am Lager IV dauerten bis zum Aufstand der jüdischen Gefangenen im Oktober 1943 an, danach wurde das Vorhaben der Munitionsverwertung aufgegeben.

Blick vom Vorlager auf Teile des Lager I und II1
Blick in den “Erbhof” 1943, davor befand sich der Platz, wo sich die Jüdinnen und Juden entkleiden mussten1
Gruppe von Trawniki Männern, im Hintergrund sieht man Teile des Lagers III1

Die deutschen Täter und die Trawniki

Mitte April 1942 wurden etwa zwanzig Deutsche unter der Leitung von Franz Stangl von Berlin nach Sobibór abkommandiert. Zuvor waren diese Männer am 70.000-fachen Patient*innenmord in den „Euthanasie“-Tötungsanstalten der „Aktion T4“ beteiligt. Dort waren sie als Pfleger, Koch, Verwaltungsangestellte, Fahrer oder beim Kremieren der Ermordeten eingesetzt gewesen und verfügten über die gewünschten Erfahrungen im Mordprozess. Der deutschen Lagermannschaft von Sobibor gehörten gleichzeitig nie mehr als 25 Männer an. Insgesamt waren in der Zeit des Bestehens der Mordstätte etwa 50 deutsche Täter dort tätig. Von diesen waren nur sechs Männer vor 1939 im Dienste der Waffen-SS. Wie in Bełżec und Treblinka wurden auch in Sobibór alle deutschen Täter in SS-Uniformen eingekleidet. Die deutschen Täter waren vorrangig für die Organisation und Verwaltung des Massenmordes im Lager zuständig. Ihnen unterstanden 90 bis 120 Trawniki als Wachmänner. Der erste Kommandant von Sobibór war Franz Stangl. Der ausgebildete Polizist aus Linz war zuvor als Verwaltungs- und Büroleiter in den „Euthanasie“-Mordanstalten Hartheim und Bernburg eingesetzt. Im September 1942 wurde Franz Stangl von Sobibór nach Treblinka versetzt. Sein Nachfolger Franz Reichleitner, auch er Polizist aus Linz, wurde von der T4-Tötungsanstalt Hartheim nach Sobibór abkommandiert.
Jeder der etwa 50 deutschen Täter wirkte direkt oder indirekt an der Tötung von mindestens 180.000 Jüdinnen und Juden im Mordlager Sobibor mit. Ihr Verhalten in Sobibór war durchaus unterschiedlich: Einige stachen durch brutale, grenzenlose Gewalt hervor, andere gingen ihrem Dienst geräuschlos nach. Zur Bewertung der unterschiedlichen Verhaltensweisen der deutschen Täter äußerte sich nach dem Krieg der Sobibór-Überlebende Samuel Lerer so: „Sobibór war ein Vernichtungslager. Es war eine Maschine zum Töten, nichts, gar nichts anderes. Eine Maschine hat viele Räder. Große und kleine und ob das Rad klein sich dreht, ob das Rad groß sich dreht, es ist immer ein Rad“.

deutsche Täter vor dem Kasino im Sommer 19431
Gruppe Trawniki im Vorlager1
Samuel Lerer Nachkriegsaufnahme2

Die Ermordung der Jüdinnen und Juden

Ab Anfang Mai 1942 begannen die Mordaktionen in Sobibor. Für die Züge mit den in den Güterwaggons eingepferchten Jüdinnen und Juden endete ihre Fahrt auf dem öffentlichen Bahnhof Sobibór. Die Waggons wurden auf ein Nebengleis rangiert und abgestellt. Da die Bahnrampe an der Mordstätte zu kurz war, mussten die Züge auf dem Nebengleis geteilt werden: Es wurden jeweils fünfzehn Waggons abgekoppelt und in das Lager geschoben. Dort wurden die Türen der Waggons geöffnet und die Menschen mit Gewalt und Geschrei auf die Rampe gejagt. Sie sollten keine Möglichkeit haben, sich zu orientieren, ihre Situation zu erfassen, bewusst das Geschehen wahrnehmen und einordnen. Es wurde eine künstliche Situation der Hetze geschaffen. Die Familien wurden auseinandergerissen, Männer und Frauen getrennt. Um die besorgten Menschen zu beruhigen und zu täuschen hielt oft ein deutscher Täter eine Rede. Nach dem Krieg schilderte der Sobibór-Überlebende Dov Freiberg den Wortlaut der Rede: „Da es zurzeit Krieg gibt, müssen alle arbeiten und sie werden alle zu Arbeit gefahren. Es wird ihnen gutgehen. Alte und Kinder werden nicht arbeiten, aber sie werden trotzdem genug zu essen haben. Sie müssen alle auf Reinlichkeit achtgeben und deshalb müssen sie zunächst baden. Die Ausländer pflegten dann mit den Händen zu klatschen. In späterer Zeit, als Transporte von polnischen Juden ankamen, die gewusst haben, dass sie umgebracht werden, haben sie laut geklagt und geschrien. Da hat er gesagt; „Ruhe, ich weiß, dass ihr schon sterben wollt, aber es wird euch nicht so leicht gemacht, vorher müsst ihr noch arbeiten…“ und auf diese Art hat er sie durcheinandergebracht.“
Zuerst wurden die Frauen mit den Kindern von der Bahnrampe zum Auskleideplatz im Lager II eskortiert, wo sie ihre Kleidung und Schuhe ablegen mussten. Danach wurden sie auf dem umzäunten Weg zu den Gaskammern getrieben. Dort wurden sie mit den Abgasen eines Dieselmotors erstickt. Jüdische Gefangenen mussten die Körper der Ermordeten aus den Kammern ziehen, ihnen die Goldzähne entfernen und zu riesigen Leichengruben tragen. Menschen, die nicht mehr aus eigener Kraft von der Bahnrampe zu den Gaskammern gehen konnten, wurden anfänglich mit Fuhrwerken in die Nähe der auf dem Lager befindlichen Holzkapelle gefahren und dort an einer Grube erschossen. Im Juni 1942 wurde eine Schmalspurbahn gebaut, mit der die nicht mehr gehfähigen Menschen ins Lager III, und schwere Gepäckstücke in das Lager II gebracht wurden.
Zwei bis drei Stunden nach ihrer Ankunft auf der Rampe waren die Jüdinnen und Juden tot und in den Leichengruben verscharrt. Währenddessen mussten die jüdischen Gefangenen des „Bahnhofskommandos“ die leeren Waggons reinigen.

Die Rampe heute2
Dov Berek Freiberg bei seiner Aussage im Verfahren gegen Adolf Eichmann3
die freigelegten Reste des Gaskammergebäudes 20152

Die jüdischen Gefangenen

Von den in Sobibór eingetroffenen Jüdinnen und Juden suchten die SS-Männer einzelne Deportierte zur Arbeit aus. Bis zu 650 Gefangene mussten in verschiedenen Arbeitskommandos arbeiten. Sie mussten in allen Bereichen des Betriebs und beim Ausbau des Lagers arbeiten. Wie oben bereits erwähnt gab es Werkstätten für Tischler, Schneider, Spengler und Schuster.
Eine große Anzahl der Gefangenen arbeitete bei der Sortierung und Aufbereitung der mitgebrachten und geraubten Gegenstände der Ermordeten. Das Bahnhofskommando hatte die Aufgabe, an der Rampe den Ankommenden beim Aussteigen zu helfen und anschließend die Waggons zu reinigen. Zur Verbrennung der Leichen musste das Waldkommando Holz fällen und ins Lager schaffen. Unter den Gefangen waren auch etwa 150 Frauen. Meist arbeiteten sie in der Sortierung und in der Wäscherei und ihre Aufgabe war es, die Unterkünfte der Wachmannschaften zu reinigen. Sie befanden sich in einer besonderen Lage. Neben dem mörderischen Alltag, waren sie auch den sexuellen Übergriffen durch die deutschen Täter und Trawniki ausgesetzt. Den Gefangenen im Lager III wurde eine unvorstellbar grausame Arbeit abverlangt. Ihnen war zudem jeglicher Kontakt zu den Gefangenen in den anderen Lagerteilen untersagt. Sie mussten die Körper der Ermordeten aus den Gaskammern ziehen, sie zu den Leichengruben schleppen und verscharren. Im Herbst 1942 wurden die Massengräber wieder geöffnet und Gefangene mussten die ausgegrabenen Leichen verbrennen.
Das Leben in Sobibór war für die jüdischen Gefangenen streng reglementiert. Gleichzeitig prägte die Willkür der Bewacher den Alltag. Jedes Vergehen wurde u.a. mit Auspeitschen oder dem Tod bestraft. Verletzte, kranke oder nicht mehr arbeitsfähige Gefangene wurden ermordet und durch neu ankommende Jüdinnen und Juden ersetzt. Die Gefangen lebten von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Jeder Augenblick konnte den Tod bringen. Die Sobibór-Überlebende Regina Zielinski beschrieb die Situation für die jüdischen Gefangen im Lager folgendermaßen: „Wir hatten große Angst, krank zu sein und nicht mehr arbeiten zu können, denn wir wussten, dass die Kranken in ein so genanntes ‚drittes Lager‘ gebracht wurden, was die Vernichtung bedeutete. […] Misshandlungen im Lager waren sehr häufig. Vor allen Dingen wurden Häftlinge von den SS-Leuten dann geschlagen, wenn die Arbeit ihrer Meinung nach zu langsam ging.“.




Frachtbrief über Kleidung die den Ermordeten geraubt wurde4
Regina Zielinski Nachkriegsaufnahme2

Transporte

Von den etwa 180.000 Jüdinnen und Juden, die in Sobibór ermordet wurden, kamen etwa 100.000 aus dem sogenannten Generalgouvernement, der von Deutschland besetzte Teil Polens, der nicht in das Deutsche Reich eingegliedert wurde. Während in Westeuropa der Holocaust bürokratisch organisiert und verwaltet wurde, mit der Erstellung von Deportationslisten, mit Namen, Adressen, Geburtsort und -datum, wurden im besetzten Polen die Jüdinnen und Juden namenlos in die Waggons getrieben. Einzig entscheidend war die Anzahl der Menschen in einem Waggon. Ihre Namen waren für die Deutschen bedeutungslos. Die aufwändige Erstellung von „Transportlisten“ mit den Daten der Jüdinnen und Judenersparte man sich.
Allein in den ersten zwei Monaten, Anfang Mai bis Ende Juni 1942, wurden bis zu 84.000 Jüdinnen und Juden in Sobibór ermordet. Die meisten kamen aus den Ghettos des Distrikts Lublin. Unter ihnen befanden sich auch deutsche, tschechische, österreichische und slowakische Jüdinnen und Juden, die in den ersten Monaten des Jahres 1942 aus ihren Heimatorten in den Distrikt Lublin verschleppt worden waren. Ab Anfang Juni 1942 fuhren die Todeszüge auch von außerhalb des Generalgouvernements direkt in das Mordlager Sobibór. Von Juli bis Anfang Oktober 1942 musste der Mordbetrieb in Sobibór eingestellt werden, weil die Gleisanlage nach Włodawa nicht mehr befahrbar war. Danach wurden wieder Jüdinnen und Juden aus den Ghettos im Distrikt Lublin nach Sobibór gebracht. Mit Beginn der Winteroffensive der deutschen Wehrmacht im Dezember 1942, wurden nur noch die wenigen Überlebenden aus den Ghettos und Zwangsarbeiterlagern aus der unmittelbaren Umgebung in das Lager deportiert.
Im März 1943 erreichten vier Züge mit jeweils 1.000 Jüdinnen und Juden aus dem deutschen Durchgangslager Drancy bei Paris das Mordlager Sobibor. Aus dem deutschen Durchgangslagers Westerbork in den Niederlanden folgten vom März bis Juli 1943 weitere 19 Züge. Insgesamt wurden über 34.000 Jüdinnen und Juden aus den Niederlanden nach Sobibór verschleppt. Im Frühjahr 1943 wurden die Bewohner*innen der noch bestehenden Ghettos im Distrikt Lublin nach Sobibór verschleppt.
In den Sommermonaten und Anfang Herbst 1943 wurden auch die Ghettos im Distrikt Galizien, im weißrussischen Minsk und Lida, sowie im litauischen Vilnius aufgelöst. So fanden noch einmal zehntausende Jüdinnen und Juden in Sobibór ihren grausamen Tod.


Zeichnung Josef Richter,
Transport auf dem Weg nach Sobibór, gezeichnet 1942/19433
Verschleppung der Hanauer Jüdinnen und Juden nach Sobibor im Juni 19425
Gedenkstein für die zahllosen namenlosen ermordeten Jüdinnen und Juden2

Öffentlichkeit und Bereicherung

Das Mordgeschehen in Sobibór war in der Region nicht zu verheimlichen. Unter den jüdischen Ghettobewohner*innen, der polnischen Zivilbevölkerung und den deutschen Besatzern verbreiteten sich schnell Informationen und Gerüchte. Auf der öffentliche Bahnstation Sobibór hielten turnusmäßig vier Mal täglich Personenzüge. Nur wenige Meter von der Station entfernt begann die Umzäunung des Mordlagers. Ein Buffet im Bahnhofsgebäudes wurde auch von den deutschen Tätern und Trawniki besucht. Als ab Herbst 1942 die Körper der Ermordeten auf Scheiterhaufen verbrannt wurden, legte sich ein furchtbarer Gestank über die gesamte Umgebung. Je nach Windrichtung war er noch in der zehn Kilometer entfernten Stadt Włodawa wahrnehmbar.
Der dort lebende Reichsdeutsche Paul Winkler sagte später dazu: „Dass sich in Sobibór ein Vernichtungslager befand, war mir, wie auch jedem anderen in Wlodawa bekannt. Wenn man von Cholm nach Wlodawa mit der Bahn fuhr, konnte man die Judentransporte, tausende und zehntausende nach Sobibór fahren sehen. Nachts sah man von Wlodawa aus den Feuerschein von Sobibór, außerdem bemerkte man einen eigenartigen Geruch. Es war bekannt, dass die Juden dort vernichtet wurden.“
Der Handel mit den geraubten Wertsachen der Ermordeten brachte in die Region um Sobibór einen plötzlichen Wohlstand. Vor allem die Trawniki tauschten in den umliegenden Orten das Raubgut gegen Alkohol, Lebensmittel usw. Sie waren gern gesehene Gäste. Es entstanden sogar Liebschaften zwischen Anwohnerinnen und Trawniki. Es tauchten Händler auf, um von den Trawniki Gold, Geld und Schmucksachen zu erwerben. Prostituierte boten ihre Dienste an.
Auch die deutschen Täter bereicherten sich an den geraubten Gegenständen der ermordeten Jüdinnen und Juden. Stand ein Heimaturlaub bevor, organisierten sie sich Koffer voll mit Wertsachen, Schmuck, Geld, Kleidung und Spielzeug. Sie ließen sich von Gefangenen Gemälde und Zeichnungen anfertigen. Inhaftierte Jüdinnen mussten für die Kinder der SS-Männer Kleidung nähen und Puppen anfertigen. Eda Lichtman beschrieb das so: „Wir haben Pakete vorbereitet, Kleiderpakete, fast für alle Offiziere und unter den Paketen gab es sehr schöne Sachen, auch Puppen für ihre Kinder, die die Kinder mit sich nach Sobibór genommen hatten um danach mit ihren Eltern zusammen in den Tod zu gehen. Sie nahmen alle Puppen, sie sagten uns, alles aus den Lagerhallen heraus zu holen, in Ordnung zu bringen, schöne Kleidung für die Puppen zu nähen, und sie anzuziehen, das war das Einzige, was Ihnen noch gefehlt hatte…. Wir taten natürlich alles was sie sagten, aber zum Schluss hatten wir sehr viel Leid und ein großer Schmerz erfüllte unsere Herzen. Wir sahen aber, dass sie großes Interesse daran hatten, Pakete mit nach Hause zu nehmen. Jeder Deutsche, der zu einem Heimaturlaub gefahren ist, wollte für sich schöne Sachen mitbringen und diese waren bei uns in den Lagerhallen. Wir haben für sie Uniformen der Hitlerjugend genäht und sie waren so sehr glücklich und jeder deutsche Offizier hat sich mit guten Paketen ausgerüstet.“
Bei einigen deutschen Tätern (z.B. Hubert Gomerski, Johann Niemann) ließ sich nach dem Krieg nachweisen, dass sich auf ihren Sparkonten ungewöhnlich viel Geld angesammelt hatte.

Flucht und Widerstand

Die ständige Androhung und Erfahrung von Gewalt sollten sowohl die im Lager neu Eintreffenden als auch die jüdischen Zwangsarbeiter*innen davon abhalten, Widerstand zu leisten. Dennoch kam es immer wieder zu Vorfällen, bei denen Einzelne nach ihrer Ankunft in Sobibór angesichts ihrer verzweifelten Situation ihre Bewacher angriffen oder beschimpften.
Zu den ersten jüdischen Gefangen in Sobibor gehörte Abraham Margulies. Er wurde im Mai 1942 von Zamosc in das Lager verschleppt. 1965 erinnerte er sich: „Wir zählten knapp über zehn Jahre und wollten so sehr leben. Es ist also nicht verwunderlich, dass vom ersten Tage des Aufenthalts im Lager an verschiedene Gedanken und Kombinationen über die Möglichkeit einer Flucht sich in den Kopf drängten.“ So kam es trotz der angedrohten Strafen immer wieder zu Fluchten und Fluchtversuchen aus dem Lager. So hatten z.B. die jüdischen Gefangenen im Lager III einen Tunnel gegraben, durch den sie fliehen wollten. Unmittelbar vor seiner Fertigstellung wurde er entdeckt und in der Folge die Mehrzahl der Gefangenen im Lager III ermordet. Wegen Verrats misslang auch der Plan holländischer Gefangener, aus dem Lager I zu fliehen. Es gab aber auch erfolgreiche Fluchten. So flüchteten kurz nach Weihnachten 1942 fünf Jüdinnen und zwei Trawniki aus dem Lager III. Nur von einer Frau und den beiden Trawniki ist das weitere Schicksal bekannt. Sie wurden in einem 40 Kilometer entfernten Dorf gestellt und erschossen. Im Juli 1943 floh ein Teil des Waldkommandos, nachdem sie einen ihrer Bewacher überwältigen und töten konnten.
Im späten Frühjahr 1943 entstand eine Widerstandsgruppe unter den jüdischen Gefangenen. Leon Felhendler soll einer der führenden Köpfe dieser Gruppe gewesen sein. Mit einem Aufstand wollten die Gefangenen den Mord in Sobibór beenden. Als im September 1943 ein Transport von Jüdinnen und Juden aus Minsk in Sobibór eintraf, befanden sich unter ihnen auch jüdische sowjetische Kriegsgefangene, die zur Zwangsarbeit im Lager bestimmt wurden. Leon Felhendler nahm Kontakt zu ihnen auf und sie planten nun gemeinsam einen Aufstand. Am 14. Oktober 1943 wurde der Plan umgesetzt. Einzelne SS-Männer wurden zu einem verabredeten Zeitpunkt unter einem Vorwand in Werkstätten gelockt und dort getötet. Insgesamt fanden elf deutsche Täter an diesem Tag den Tod durch jüdische Gefangene. Kurz vor dem täglichen Appell in Lager I begann der Lageraufstand. Die Gefangenen stürmten unter den Gewehrsalven der Wachmannschaften aus dem Lager in Richtung des rettenden Waldes. Viele starben beim Versuch, den Zaun und das Minenfeld zu überwinden. Nicht alle Gefangenen ergriffen die Flucht. Einige wollten den Ort nicht verlassen, an dem ihre Familie vergraben war, andere sahen in der Flucht keine Perspektive. Die jüdischen Gefangenen aus den Lagern III und IV konnten sich den Flüchtenden nicht anschließen. Etwa 300 Jüdinnen und Juden konnten am 14. Oktober 1943 in die Wälder flüchten. Die Deutschen verfolgten sie mit einer gnadenlosen Hetzjagd. Für die Geflohenen gab es keinen sicheren Ort. Zur Beschaffung von Essen und Unterkunft mussten sie sich Fremden anvertrauen, die sie jederzeit denunzieren konnten. Nur wenige fanden einen sicheren Unterschlupf bei alten Freunden oder neuen Bekannten, um die Zeit im Versteck bis zur Befreiung zu überleben. Der Krieg war noch nicht vorbei und der lange Winter stand bevor. Von über 60 Jüdinnen und Juden ist bekannt, dass sie das Kriegsende überlebten. In den Tagen nach dem Aufstandwurden alle in Sobibór verbliebenen jüdischen Gefangenen ermordet.
Ende Oktober 1943 wurden 100 jüdische Gefangene der Mordstätte Treblinka nach Sobibór gebracht. Sie mussten bei den Abriss- und Verladearbeiten helfen. Die Gaskammern wurden gesprengt und die Massengräber eingeebnet und mit Bäumen bepflanzt. Nachdem diese Arbeiten beendet waren, wurden auch diese letzten jüdischen Gefangenen ermordet. Im Juli 1944 befreite die Rote Armee die Gegend um Sobibór.




Abraham Margulies Nachkriegsaufnahme2






Leon Feldhendler2

Nachkriegsprozesse

Der deutsche Täter Erich Bauer aus Sobibor wurde im August 1949 von den Überlebenden Ester Raab und Samuel Lerer in Berlin auf einem Rummelplatz erkannt. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn am 8. Mai 1950 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode. Das Urteil wurde in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Erich Bauer verstarb 1980 in Berlin.
1950 mussten sich vor dem Landgericht in Frankfurt am Main die deutschen Täter Hubert Gomerski und Johann Klier verantworten. Gomerski war in Sobibór im Lager III, dem Tötungsbereich, eingesetzt. In dem Verfahren wurde er von Sobibór-Überlebenden als einer der brutalsten Täter im Lager beschrieben. Er wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Nachdem 1972 der Bundesgerichtshof das Urteil aufgehoben hatte, wurde er entlassen. In einem Revisionsverfahren wurde das Urteil 1977 in eine 15-jährige Haftstrafe umgewandelt, ein weiteres Revisionsverfahren wurde 1981 wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten eingestellt. Hubert Gomerski verstarb 1999. Johann Klier wurde 1950 vom Landgericht Frankfurt am Main freigesprochen. Sobibór-Überlebende hatten entlastend für ihn ausgesagt.
1965/66 fand vor dem Landgericht in Hagen ein Prozess gegen 12 deutsche Täter statt. Die Anklage gegen 10 der Täter lautete Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord. Fünf der Angeklagten wurden wegen Putativnotstands (Befehlsnotstand) freigesprochen, weitere fünf wurden wegen Beihilfe zum Mord zu Haftstrafen zwischen drei und acht Jahren verurteilt. Karl Frenzel und Kurt Bolender wurden zusätzlich neben Beihilfe zum Mord auch eigenhändige Morde nachgewiesen. Kurt Bolender entzog sich wenige Wochen vor der Urteilsverkündung dem Richterspruch durch Suizid.
Karl Frenzel wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm konnte durch die Aussagen der Sobibór-Überlebenden die eigenhändige Tötung von 9 jüdischen Gefangenen nachgewiesen werden. Nach mehreren Revisionsverfahren wurde er 1985 erneut zu lebenslanger Haft verurteilt, ihm wurde allerdings die Strafe aufgrund seines Gesundheitszustandes erlassen. Karl Frenzel verstarb 1996 in Hannover.
Franz Stangl, dem ersten Kommandanten von Sobibór, gelang nach dem 2. Weltkrieg die Flucht über Syrien nach Brasilien. Nach Bemühungen von Simon Wiesenthal wurde er 1967 in Brasilien verhaftet und noch im selben Jahr an die Bundesrepublik Deutschland ausgeliefert. 1970 wurde er vor dem Landgericht in Düsseldorf angeklagt, allerdings nur für seine Beteiligung an den Morden in Treblinka, wo er von September 1942 bis August 1943 Kommandant war. Im Dezember 1970 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, legte allerdings Revision gegen das Urteil ein. Er starb im Juni 1971 in einem Düsseldorfer Gefängnis an Herzversagen bevor das Urteil rechtskräftig wurde.
Gustav Wagner, den die Überlebenden als den brutalsten und unberechenbarsten deutschen Täter beschrieben, konnte wie Franz Stangl über Italien und Syrien nach Brasilien flüchten. 1978 wurde er wie Stangl von Simon Wiesenthal aufgespürt. Der in Brasilien lebende Sobibór-Überlebende Stanislaw Szmajzner erkannte Gustav Wagner, woraufhin dieser verhaftet wurde. Mehrere Auslieferungsbegehren aus Polen, Österreich, der Bundesrepublik und Israel lehnten die brasilianischen Behörden ab und Gustav Wagner kam nach wenigen Monaten wieder frei. Am 3. Oktober 1980 fand man ihn tot in seinem Wohnhaus. Die offizielle Todesursache lautete Suizid.
In der Nachkriegszeit fanden in der Sowjetunion mehrere Prozesse gegen Trawniki statt. Einige waren in Sobibór eingesetzt. Es wurden mehrere Todesurteile gegen sie ausgesprochen.
Am 30. November 2009 begann in München der Prozess gegen den Trawniki John Iwan Demjanjuk. Er wurde der Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen im Mordlager Sobibór beschuldigt. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, die er aber nicht mehr antreten musste, da keine Fluchtgefahr bestand. Gegen das Urteil legte er Revision ein und verstarb im März 2012 in einem Altenheim im bayrischen Bad Feilnbach.


Ester Raab identifiziert vor Gericht Erich Bauer 1949/50 3
Hubert Gomerski6
Karl Frenzel6
Stanislaw Szmajzner2
Gustav Wagner rechts neben Johann Niemann in Sobibor im Sommer 19431



Bildquellen:

1 Fotosammlung Johann Niemann – Fotos aus Sobibor Bildungswerk Stanislaw Hantz/ Forschungsstelle
Ludwigsburg – Metropol 2020
2 Privatsammlung Bildungswerk Stanislaw Hantz
3 Archiv Ghetto Fighter House
Dov Berek Freiberg Catalog Nr. 26227
Zeichnung Josef Richter Catalog Nr. 2415 – Josef Richter, war Jude. Er arbeitet mit gefälschten Papieren im
Baudienst im Distrikt Lublin und zeichnete z.T. auf alten Zeitungen was er beobachtete
Ester Raab Catalog Nr. 25073
4 Jules Schelvis Vernichtungslager Sobibor
5 Archiv Yad Vashem Signatur 102C03
6 LAV NRW W, Q 234 Nr. 4564