Gedenkallee

170.000 Leben – die Gedenkallee in Sobibór

DSCF2127Die Idee zur Entstehung einer Gedenkallee in Sobibór entstand in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Das Museum und die Gedenkstätte Sobibor war in dieser Zeit nur wenigen in Europa bekannt. Das kleine Lager im Dreiländereck Polen, Ukraine und Weißrussland war in Vergessenheit geraten. Mitten im Wald und unweit der weißrussischen Grenze gelegen erinnerte kaum etwas an die 170.000 jüdischen Menschen, die von den Nationalsozialisten hier ermordet wurden. Besucher fanden lediglich eine kleine Gedenkstätte aus dem Jahr 1965 vor und das Regionalmuseum der Ortschaft Wlodawa unterhielt eine kleine Ausstellung, die unregelmäßig geöffnet war.

In den Jahren 1942 und 1943 hatten deutsche SS-Männer im Lager Sobibór über 170.000 jüdische Menschen ermordet. Sie töteten die jüdischen Männer, Frauen und Kinder mit Motorabgasen, verbrannten ihre Leichen und verscharrten ihre Asche in riesigen Massengräbern. Anschließend verwischten sie die Spuren ihres Massenmords. Sie schleiften die Gaskammern und bepflanzten das Gelände mit Bäumen. Als in den 1960er Jahren eine Gedenkstätte errichtet wurde, hatten Bäume und Gras die Geschichte bereits überwuchert.

Anfang der Jahre 2000 besuchte das Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. auf seinen Bildungsreisen die Gedenkstätte in Sobibor bereits jahrelang. Auf den Besuchen entstand der Wunsch und das Bedürfnis, der Opfer der deutschen Nationalsozialisten an dem Ort der Verbrechen zu gedenken. Die Idee war, das Schicksal einzelner Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Es sollte ein lebendiges Projekt sein, ein europäisches Projekt, das von Ost- und Westeuropäern gemeinsam gestaltet wird.
Die Gedenkallee sollte auf dem Weg entstehen, den die jüdischen Männer, Frauen und Kinder, getrieben von deutschen SS-Männern, in die Gaskammern gehen mussten. Im SS-Jargon hieß dieser Weg zynisch die „Himmelfahrtstraße“. Auf einer Länge von mehreren hundert Metern wurde der dichte Kiefernwald gerodet und ein befestigter Weg angelegt. Links und rechts dieses Weges wurden immergrüne Bäume gepflanzt – ein lebendiges Zeugnis, das an das Opfer erinnert. Zu jedem Bäumchen gehört ein Stein des Gedenkens, das an individuelle Opfer erinnert, die den deutschen SS-Männern zum Opfer gefallen sind. Am Ende der Gedenkallee, dem Ort, an dem die Gaskammer vermutet wurde, wurde ein Monolith aufgestellt. Dieser Monolith trägt den Text: „Die Gedenkallee endet hier. Zehntausende von Menschen, aus vielen verschiedenen Ländern, wurden gezwungen diesen Weg entlang zu gehen. Männer, Frauen und Kinder, nicht weit von diesem Punkt, wurde ihrem Leben ein abruptes Ende gesetzt. Wer waren sie?  Die erwähnten Namen entlang dieses Weges, sind Zeugen für all die Menschen, die hier in Sobibór während des  2. Weltkrieges ermordet wurden. Die Namen halten ihr Leben und ihr Schicksal lebendig “

Zum 60sten Jahrestags des Aufstands von Sobibor, am 14. Oktober 2003, also mehr als 60 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und 16 Jahre nach Beendigung der Teilung Europas war es soweit. Der Grundstein für ein europäisches Bürgerprojekt wurde gelegt. Nach mehr als 2 Jahren Vorbereitungszeit hat das Bildungswerk Stanislaw Hantz zusammen mit dem  Kreismuseum in Wlodawa (bis 2012 zuständig für die Gedenkstätte) die Gedenkallee zum 60. Jahrestages des Aufstandes von Sobibór eröffnet. Der Überlebende Tomasz (Toivi) Blatt war anwesend und durchschnitt zur Eröffnung feierlich ein Band. Zu der Eröffnung waren offizielle Vertreter des Kreises Wlodawa, der verschiedenen Gedenkstätten aus der Region wie beispielsweise aus Majdanek gekommen, aber auch Schülerinnen und Schüler aus der Ortschaft Izbica. Die Juden des ehemaligen Schtetls Izbica, etwa 60 km von Sobibor entfernt, wurden unter anderem in dem Lager Sobibor ermordet. Das Gymnasium aus Izbica stellte aus diesem Anlass einen Gedenkstein für die Opfer aus ihrer Ortschaft auf.

Thomas Toivi Blatt und Florian Ross bei der Eröffnung der Gedenkallee am 14. Oktober 2003

Thomas Toivi Blatt und Florian Ross bei der Eröffnung der Gedenkallee am 14. Oktober 2003

Seit 2003 ist der Wald des Vergessens einer Allee der Erinnerung gewichen. Mittlerweile tragen über 270 Natursteine am Wegesrand der Gedenkallee die Namen von in Sobibór Ermordeten. Es sind Namen von Menschen aus Polen, der ehemaligen Sowjetunion, den Niederlanden, Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei und Frankreich. Jeder einzelne Stein spricht in einer anderen europäische Sprache zu den Besuchern und Besucherinnen. Auf den wenigen hundert Metern sind niederländische, polnische, russische, tschechische, deutsche und französische Namen zu lesen. Durch diese Nennung der Opfer und auch durch die Präsentation ihrer persönlichen Lebensgeschichten in der Gedenkstätte wird die Geschichte von Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas anschaulich und greifbar. Herkunftsländer, Orte, Straßennamen, Daten, Berufe und kleine persönliche Informationen lassen ihre Schicksale näher rücken. Jedes Jahr treffen sich in der Gedenkallee Juden und Nichtjuden, Deutsche und Niederländer, Polen und Israelis, alte und junge Menschen. Trotz konfessioneller Unterschiede und sprachlicher Barrieren trauern sie gemeinsam und gedenken der Ermordeten. Sie kommen miteinander ins Gespräch und diskutieren über unterschiedliche Erinnerungen in ihren Heimatländern. Auch das macht die Gedenkallee möglich.

Im Jahr 2005 stieg die niederländische Stichting Sobibór in das Projekt der Gedenkallee mit ein. Die Stichting Sobibor wurde 1999 von Jules Schelvis, einem der Überlebenden des Mordlagers, gegründet. Seit dieser Zeit ist die Gedenkallee weiter gewachsen. Regelmäßig fanden durch die Jahre Gedenkveranstaltungen statt, auf denen an einzelnen Steinen an die jüdischen Männer, Frauen und Kinder erinnert wurde, die in Sobibór ermordet wurden.
170.000 ermordete jüdische Menschen – das ist eine so ungeheuerliche Zahl, dass die einzelnen Menschen und ihre Schicksale dahinter zu verschwinden drohen. Den Opfern ihre Namen und ihre Identität zurückgeben – das war das Ziel des Projektes „170.000 Leben – Gedenkallee Sobibór“. Allen Bemühungen zum Trotz werden viele Gedenksteine namenlos bleiben. Denn für eine große Zahl der 170.000 Toten wird man nie aufklären können, wer sie waren. Ihrem Gedenken sind bereits heute Steine mit dem Schriftzug gewidmet – For the unkown.

Die Gedenkallee heute

Bis heute (Stand Oktober 2016) befindet sich die Gedenkallee auf dem Gedenkstätte Sobibor. Bei den archäologischen Untersuchungen zu Beginn der Jahre 2000 wurde festgestellt, dass sie sich nicht exakt den Weg wiedergibt, den die jüdischen Opfer zu den Gaskammern gehen mussten. Bei den Sucharbeiten wurden im Jahr 2015 die Fundamente der ehemaligen Gaskammern lokalisiert. Seit mehreren Jahren werden Pläne erstellt um die heutige Gedenkstätte neu zu gestalten. Ein Museum soll entstehen und ein Weg, der parallel zu dem tatsächlichen Verlauf der „Himmelfahrtsstraße“ entlang zu dem Ort führt, an dem die Gaskammern standen. Das Projekt der Gedenkallee wurde nicht mit in das neue Gedenkstättenkonzept aufgenommen. Bleiben sollen jedoch die Gedenksteine, die an einem anderen Ort auf der Gedenkstätte einen neuen Platz finden sollen. Bisher vorgesehen ist der Pfad, der von dem Ort der ehemaligen Gaskammern zurück zu den Parkplätzen führt. Wann dies jedoch umgesetzt wird, ist nicht bekannt. Bisher ist das Bauvorhaben noch nicht in Angriff genommen worden. Die Gedenkallee besteht also weiterhin auf ihrem ursprünglichen Ort.

Der Stein für die jüdischen Opfer des Aufstandes