Emma Juchenheim

Emma Juchenheim


Emma Juchenheim, geboren Steinberg
Geboren am 27. Januar 1855
Geboren in Vlotho, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Mutter
Sortine Wilma Steinberg, geborene Lilienthal
Geboren am 30. Juni 1823 in Vlotho
Gestorben am 28. Juni 1856 in Vlotho

Vater
Abraham Steinberg
Geboren 27. Juni 1822 in Vlotho
Gestorben 28. Januar 1913 in Vlotho

heiratete

Levi Abraham Juchenheim
Geboren am 15. März 1855
Geboren in Neustadtgödens, Niedersachsen, Deutschland
Gestorben im März 1921 in Vlotho

3 Kinder

Selma Juchenheim
Geboren am 9. April 1887
Geboren in Vlotho, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Paul Juchenheim
Geboren am 28. August 1888
Geboren in Vlotho, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Alwin Juchenheim
Geboren am 3. Oktober 1889
Geboren in Vlotho, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Emma Juchenheim stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie.Als Emma erst ein Jahr alt war, starb ihre Mutter Wilma. Ihr Vater Abraham unterhielt eine Matzenbäckerei, er belieferte mit seiner Firma ganz Nordwestdeutschland. Die Bäckerei befand sich im Hinterhaus des Anwesens in der Lange Straße 117 (heute Burgstraße 3) in Vlotho. Mit dem Tod Abraham Steinbergs im Jahre 1913 erlosch die Firma.
Emma Juchenheim heiratete Mitte der 80-ger des 19. Jahrhunderts ihren Mann Levi Abraham Juchenheim. Er gründete um 1890 eine Getreide- und Futtermittelhandlung in der damaligen Lange Straße 16. Das Paar führte das Geschäft zusammen bis zu Levi Abrahams Tod im Jahre 1921. Danach führte ihr Sohn Alwin die Firma weiter, die nun auch zusätzlich Düngemittel vertrieb. Nach 1933 geriet die Firma in finanzielle Schwierigkeiten, Gründe dafür waren wahrscheinlich die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im Jahre 1935 verließ Emma Juchenheim Vlotho und wanderte zu ihrer Tochter Selma nach Holland aus. Die Firma meldete 1936 Konkurs an, die Familie verpachtete die Geschäfts-und Lagerräume an eine Getreidehandlung eines deutschen Eigentümers. Der Pächter und ein ehemaliger Angestellter der Familie wollten beide den Betrieb und das Grundstück erwerben. Es kam aber über mehrere Jahre kein Kaufvertrag zu Stande, da auf dem Grundstück eine Hypothek von 40.000 RM lag. Am 18. Juli 1941 kam es zu einem Kaufvertrag zugunsten des ehemaligen Angestellten, der aber vom Gauwirtschaftsleiter der NSDAP abgelehnt wurde. Nach Lage der Akten kam es so nie zu einem rechtskräftigen Kaufvertrag. Im April 1942 erhebt der Oberfinanzpräsident Westfalen in Münster Ansprüche auf das „Vermögen des Juden Alwin Israel Juchenheim …, das am 15. Dezember 1941 an das Deutsche Reich verfallen ist“. Der 15. Dezember 1941 ist der Tag an dem Alwin Juchenheim mit seiner Familie von Bielefeld nach Riga deportiert worden ist. Für die Menschen die in den Osten deportiert wurden, galt damals das gleiche Gesetz wie für Auswanderer: Ihr Vermögen fiel an den Staat.

Emma Juchenheim, Rudolf, Selma en Lidy Eisendrath. (Fotocollectie B. Zwart)

Emma Juchenheim, Rudolf, Selma en Lidy Eisendrath. (Fotocollectie B. Zwart)

Nachdem Emma 1935 Vlotho verließ, zog sie zu ihrer Tochter Selma, die dort mit ihrem Mann Bernhard Eisendraht und ihren vier Kindern in Zaandam lebte. Im Januar 1942 wurde die jüdische Bevölkerung von Zaandam angewiesen die Stadt zu verlassen. Bernhard Eisendrath konnte eine kleine Wohnung im jüdischen Viertel von Amsterdam finden. Im Oktober nahm sich Bernhard Eisendrath das Leben. Die anderen Familienmitglieder versteckten sich in der darauffolgenden Zeit, in einer von christlichen Freunden angemietete Wohnung in der Dintelstraat in Amsterdam. Emma Juchenheim wurde im Frühjahr 1943 verhaftet und in das Polizeiliche Durchgangslager in Westerbork gebracht. Die mittlerweile 88-jährige Frau musste hier am 13. April 1943 einen der Viehwaggons besteigen. Mit weiteren 1203 jüdischen Kindern, Frauen und Männern wurden sie mit dem 7. Transport der Westerbork in Richtung des deutschen Vernichtungslagers Sobibor verließ, deportiert. Der Zug erreichte am 19. April 1943 das Mordlager. Falls die sehr betagte Emma Juchenheim die Strapazen dieser dreitägigen Fahrt in den engen Viehwaggons überlebt hat, wurde sie in Sobibor ermordet.

Stolperstein für Emma Juchenheim in Vlotho

Stolperstein für Emma Juchenheim in Vlotho

Alwin Juchenheim heiratete Paula Juchenheim (geb. Katzenstein), geboren am 8. November 1902 in Lemgo. Aus der Ehe gingen 2 Kinder hervor:
Lore Juchenheim, geboren 25. Mai 1926 in Bad Salzuflen
Hans Juchenheim, geboren 25. Oktober 1928 in Bad Salzuflen

Eine Freundin und Nachbarin von Lore Juchenheim, die oft im Haus der Familie ein und aus ging, berichtete 2005 über das Leben der Familie:
Die Familie Juchenheim war eine recht wohlhabende Familie, mit einem gewissen Bildungsanspruch. Für den Betrieb besaßen Juchenheims einen Lkw und privat besaßen sie damals schon einen Pkw der Marke `Wanderer´. Die Mutter Paula spielte Klavier und konnte gut singen. Die Kinder besaßen Rollschuhe, mit denen sie damals gerne in der glatt gefegten Getreidehalle hin und her fuhren. Sohn Hans besaß ein Tretauto und der Vater hatte auf der Terrasse verschiedene Turngeräte aufgebaut, die auch die Nachbarkinder gern mitbenutzen durften.“

Nach der 4. Klasse der Volksschule besuchte Lore in den Jahren 1936 bis 1938 die Höhere Stadtschule in Vlotho. Zu Ostern 1938 wechselte sie auf das Mädchengymnasium Luisenschule in Bad Oeynhausen.

Sie fuhr dann morgens mit dem 7-Uhr-Zug von Vlotho nach Bad Oeynhausen und kam um 14 Uhr zurück. An diese Zeit erinnert sich ihre Freundin, denn sie holte Lore oft nachmittags von der Bahn ab. Schon ab 15. November 1938 musste Lore das Gymnasium verlassen. Der Grund war ein Erlass des NS Staates, das es jüdische Kinder keine deutsche Schulen mehr besuchen durften. Wenig später begann sie eine Lehre zur Schneiderin.
Lore war ein hübsches, schlankes Mädchen und besuchte eine Ballettschule in Bad Oeynhausen. Oft wurde sie vom Vater mit dem Pkw dorthin gebracht. Manchmal begleitete sie ihre Freundin dorthin, dann versteckten sich die Freundinnen aber unter Säcken, da der Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens verboten war. Lore lernte auch Hebräisch und nahm Klavierunterricht bei Privatlehrern.
Hans Juchenheim war mit dem Bruder von Lores Freundin befreundet. Bei den Juchenheims wohnten auch die kaufmännischen Angestellten Kupferberg, Levi und Grünbaum in Kost und Logi. Bei den Juchenheims war es üblich, dass wenn man vom Essen aufstand einen Vers von `Die Gedanken sind frei´ sang.
Am 10. November 1938, als in Vlotho die Synagoge zerstört wurde, drangen auch Nazis in das Haus der Familie Juchenheims ein, Lores Freundin erinnerte sich folgendermaßen:
„An dem Tage habe ich Lore wiedermal vom Bahnhof abgeholt. Sie kam ja immer um 14.25 Uhr mit dem Zug aus Oeynhausen, Ich habe sie gleich zu uns ins Haus geholt. Da habe ich ihr erzählt, dass in Vlotho Ausschreitungen gegen Juden vor sich gingen. Auch im Haus Juchenheim war es schlimm zugegangen. Eine Gruppe von Nationalsozialisten war in das Haus eingedrungen und hatte die Wohnungseinrichtung demoliert: die Standuhr wurde umgeworfen, Kristall, das auf dem Büfett stand, wurde zerschlagen, das Klavier beschädigt, die Tasten standen alle hoch! Das Silber wurde aus den Schubläden gerissen und auf dem Boden zerstreut. Die große Diele im Haus lag voller Geschirr, das zum Teil zerschlagen war. Frau Juchenheim war mit ihrem Sohn Hans in Richtung Werder geflüchtet. Sie muss aber unterwegs misshandelt worden sein, denn sie klagte später über starke Schmerzen im Rücken. An den Vater kann ich mich an diesem Tag nicht erinnern, ich glaube , er war wie die anderen jüdischen Männer aus Vlotho abgeholt worden.“
Alwin Juchenheim wurde an diesem Tag verhaftet und war vom 12. November bis 12. Dezember 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert.
Anfang des Jahres 1939 wurden Lore und Hans zu ihrer Tante Selma nach Zandaam in Holland gebracht, wo sie in den Jahren zuvor auch schon oft ihren Urlaub verbrachten. Auch ihre Großmutter Emma lebte bei Selma
Anfang Dezember 1941 erhielten Alwin und Paula Juchenheim die amtliche Mitteilung sich für einen Transport in Richtung Osten bereitzuhalten. Daraufhin holten sie ihre beiden Kinder am 6. Dezember von Zaandam zurück nach Vlotho. Lores Freundin erfuhr davon und nahm Kontakt zu den Kindern auf.

Ich stellte Herrn Juchenheim die Frage: „Warum haben sie Lore und Hans zurückgeholt?“ Daraufhin antwortete der Vater mir: „Wenn wir gehen müssen, gehen wir alle zusammen!“
Ich erinnere mich noch, das ich auf dem Bahnsteig war, als die Familie in den Zug einstieg. Frau Juchenheim stieg als letztes ein. Ich weiß noch, dass ihre kleine Stadttasche mit dem Proviant auf dem Bahnsteig zurück blieb, sie hatte sie in der Aufregung stehen lassen…“

Der Tag an dem der Zug aus Vlotho abfuhr war der 10. Dezember 1941, er brachte die Familie zunächst nach Bielefeld, von wo sie am 13. Dezember ins Ghetto nach Riga deportiert wurden.
Der Wunsch zusammen zu bleiben erfüllte sich nicht. Mutter und Tochter wurden von Riga ins deutsche Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren. Vater und Sohn waren zuletzt zusammen im Konzentrationslager Dachau. Das Todesdatum des Vaters ist mit dem 6. Dezember 1944 angegeben, Sohn Hans erlebte die Befreiung des KZs Dachau, starb jedoch an den Folgen der jahrelangen Qualen am 2. Juni 1945.

Sortine Selma Eisendrath, Lore Juchenheim, Emma Juchenheim, Bernhard Eisendrath

Sortine Selma Eisendrath, Lore Juchenheim, Emma Juchenheim, Bernhard Eisendrath

Selma Juchenheim heiratete den niederländischen Arzt Dr. Bernhard Eisendraht, geboren am 24 September 1881 in Amsterdam. Sie lebten zusammen in Zaandam einer Stadt in Nordholland.
Das Paar bekam 4 Kinder:
Iris Harriet Eisendrath, geboren 5. Dezember 1915 in Zaandam; umgekommen am 3. September 1943 in Auschwitz
Maja Frederika Eisendrath, geboren 28. März 1917 in Zaandam; umgekommen am 9. Juli 1943 in Sobibor
Leonie Emma Eisendrath, geboren 14. August 1921 in Zaandam; umgekommen am 3. September 1943 in Auschwitz
Rudolf Leonhard Eisendrath, geboren 27. Juli 1923 in Zaandam; umgekommen am 7. März 1944 in Dora-Mittelbau

Bernhard Eisendrath nahm sich am 4. Oktober 1942 in Amsterdam das Leben. Seine Frau Selma starb am 27. August 1943 in Auschwitz.
Rudolph Eisendrath gelang die Flucht aus Amsterdam, auf dem Weg in die Schweiz wurde er am 22. Juni 1943 in Frankreich verhaftet und in das Konzentrationslager Dora-Mittelbau (Außenlager vom KZ Buchenwald) gebracht. Dort mussten die Häftlinge Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen in unterirdischen Stollen leisten, er verstarb dort am 7. März 1944.
Maja Eisendrath wurde genau wie ihre Großmutter in das deutsche Mordlager Sobibór deportiert. Es ist davon auszugehen, daß sie direkt nach ihrer Ankunft am 9. Juli 1943 ermordet wurde.
Iris und Leonie Eisendrath wurden eine Woche nach ihrer Mutter in das Deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und hier ermordet.

Paul Juchenheim besuchte das jüdischen Gymnasium in Wolfenbüttel und anschließend eine jüdische Privatschule auf Norderney. Das Verhältniss zu seiner Familie war angespannt. Er heiratete später Frederike Höpfner, eine evangelische Christin. 1936 fuhr Paul Juchenheim geschäftlich in die Niederlande. Während seiner Abwesenheit führte die Gestapo in seiner Wohnung eine Hausdurchsuchung durch, dabei wurden belastende Briefe gefunden. Daraufhin wurde seine evangelische Ehefrau in Schutzhaft genommen, man hielt sie daraufhin vom 21. April bis 14. Juli 1936 im Bielefelder Gerichtsgefängnis fest. Ihr Mann wurde gewarnt und blieb, um der Verhaftung zu entgehen, in den Niederlanden. Im Oktober 1936 folgte seine Frau ihm in die Niederlande.
Am 9. April 1943 kam es in Amsterdam zu einem Konflikt zwischen Paul Juchenheim und einem Wehrmachtangehörigen, in dessen Verlauf er von dem Unteroffizier erschossen wurde. Friederike Juchenheim zog 1949 von Amsterdam zurück nach Vlotho, später lebte sie in Bad Oeynhausen.