Leni Valk

Magdalena (Leni) Valk

Magdalena (Leni) Valk

Magdalena, Rufname Leni
Geboren am 28. September 1933
Geboren in Goch, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Vater

Walter Valk
Geboren am 3. Juni 1897
Geboren in Emden, Niedersachsen, Deutschland
Gestorben am 30. Juli 1962 in Goch

Mutter

Erna Valk, geborene Stern
Geboren am 29. Januar 1905
Geboren in Goch, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Gestorben am 10. August 1993 in Goch

Onkel

Isaak Valk
Geboren am 4. September 1889
Geboren in Emden, Niedersachsen, Deutschland

Tante

Hertha Valk, geborene Hoffmann
Geboren am 11. Juni 1898
Geboren in Jever, Niedersachsen, Deutschland

Cousin

Josef Valk
Geboren am 19. Mai 1925
Geboren in Emden, Niedersachsen, Deutschland

Cousine

Hildegart Susanne Valk
Geboren am 12. Mai 1923
Geboren in Emden, Niedersachsen, Deutschland

 

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Familie Valk

Leni wohnte zusammen mit ihren Eltern in der Hindenburgstraße (heute Brückenstraße 37) in Goch. Ihr Vater betrieb seit 1930 ein Geschäft für Herren- und Knabenbekleidung im
`deWitt-Haus´ am Gocher Marktplatz.
Leni saß gerne im Gocher Stadtpark oder am Schwanensee. Sie war sehr einsam, da keins der anderen Kinder mit ihr spielen durfte. Auch der Besuch des Kindergartens blieb ihr aus diesem Grund verwehrt.

Jahre später erzählt Erna Valk von dieser Zeit: „Vor allem durfte Leni nicht mit zum St. Martins-Zug gehen wie die anderen Kinder. Das tat ihr furchtbar weh und sie stellte mir die Frage: „Darf ich auch nicht auf die Schule, wenn ich alt genug bin?“ Da antwortete Frau Valk: „Das weiß ich nicht“ Leni war sich sicher: „Dann will ich nicht hier bleiben, dann will ich nach Holland.“

1938 musste die Familie ihre Wohnung in der Hindenburgstraße verlassen, es war verboten das jüdische Menschen mit „arischen“ Menschen unter einem Dach lebten, sie zogen in die Herzogenstraße 37 in der auch die Familie ihres Onkels Otto Stern lebte.
Am 8. November 1938 sah auch Leni Valk, vom Fenster der elterlichen Wohnung, wie die Gocher Synagoge in Flammen aufging. Am Abend der Reichspogromnacht wurde die Wohnung der Valks durch Nazis durchsucht, selbst Lenis Puppenwagen wurde umgeschmissen. Am nächsten Morgen wurde ihr Vater Walter Valk verhaftet und erst im Gocher und dann ins Klever Gefängnis gebracht. 4 Tage später brachte man ihn ins Konzentrationslager Dachau aus dem er erst einige Monate später wieder entlassen wurde.
Am 15. November erließen die Nationalsozialisten das Gesetz, das jüdischen Kindern verbot öffentliche Schulen zu besuchen. Erna Valk beschloss daraufhin ihre Tochter Leni nach Leeuwarden in Holland, zu Lenis Onkel Issak Valk zu schicken. Sie wähnte sie dort in Sicherheit.
Ein Bekannter der Familie brachte das Mädchen im Dezember 1938 über die Grenze bis zur Bahnstation in Boxmeer. Dort kaufte er ihr eine Fahrkarte und hängte dem damals 5 jährigen Mädchen ein Schild um den Hals mit der Aufschrift „Bitte helft diesem Kind, Zielort Leeuwarden“.
Leni lebte fortan bei der Familie ihres Onkels, die schon 1936 nach Holland emigrierten. Hier ging endlich ihr Wunsch in die Schule gehen zu dürfen, in Erfüllung. Sie besuchte anfangs die Grundschule und wechselte später in die Jüdische Schule in Leeuwarden. Leni lernte schnell die niederländische Sprache und schrieb ihren Eltern öfters Briefe, denen sie auch manchmal Fotos hinzufügte. Doch im Mai 1940 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Niederlande, dadurch wurde auch die Situation für die Familie von Lenis Onkel schwieriger. In einem erhaltenen Brief vom November 1941 schreibt ihre Tante Hertha an Lenis Mutter: „Leni hilft uns über das Trübsal hinweg. Ihre sonnige Natur sieht natürlich noch keine Schwierigkeiten,… Gestern hatte Leni einen besonders guten Tag, mittags gab es Kartoffelpfannkuchen, am Nachmittag war sie zur Religionsstunde, die sie besonders liebt, abends gab es Steckrüben, die sie als ihr Leibgericht angibt. Also an einem Tag dreimal geboft“ (Glück gehabt).

Ab dem 2. Mai 1942 wurde es auch in Holland Pflicht, das jüdische Menschen den gelben Stern tragen mussten.
Am 5. Oktober 1942 wurde Leni mit ihrer Tante in das Polizeiliche Durchgangslager Westerbork gebracht. Ihr Cousin Josef und ihr Onkel Isaak wurden schon 3 Tage vorher dorthin gebracht. In Westerbork traf sie am 15. Oktober 1942 auch ihren Onkel Otto und ihre Tante Sophie Stern wieder, in deren Haus sie für einige Zeit in Goch gelebt hatte. Otto und Sophie Stern wurden schon 2 Wochen nach ihrer Ankunft in Westerbork, am 30. November 1942, in das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen deportiert. Sie wurden wahrscheinlich am 2. November, nach ihrer Ankunft in Auschwitz, ermordet.
Lenis Cousine Hildegart Susanne Valk arbeitete als Krankenschwester in der Apeldoornse Bos, einer jüdischen psychiatrischen Einrichtung in Amsterdam. In der Nacht des 21. auf den 22. Januar 1943 wurden alle Patienten und das Personal der Klinik verhaftet und in einem Transport in das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager nach Auschwitz in Polen gebracht. Nach ihrer Ankunft in Auschwitz wurde Hildegart Susanne Falk und alle weiteren Menschen dieses Transportes ermordet.
Lenis Cousin Josef Falk wurde nur wenige Wochen später, am 16. Februar in das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen gebracht. Es ist anzunehmen das auch er am 18. Februar, direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet wurde.

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Leni Valk

Am 18. Mai 1943 trifft es auch Leni, ihre Tante Hertha und ihren Onkel Isaak. Am Morgen dieses Tages werden sie mit weiteren 2508 Menschen in einen Zug gepfercht. Mit dem 12. Transport der Westerbork in Richtung des deutschen Vernichtungslagers Sobibor in Polen verließ, werden sie nach Sobibor gebracht. Es ist davon auszugehen das Leni, damals erst 9 Jahre alt, am 21. Mai 1943, kurz nach ihrer Ankunft in Sobibor, ermordet wurde. Niemand aus diesem Transport überlebte die Zeit des Krieges.

Lenis Eltern, Erna und Walter Valk wurden bereits am 10. Dezember 1941 verhaftet, für sie begann ein langer Weg durch verschiedene deutsche Arbeits- und Konzentrationslager. Am 30. Juni 1943 kehrte Erna Valk zurück nach Goch, wo 10 Tage später auch ihr Mann eintraf. Sie versuchten sofort herauszubekommen was mit ihrer Tochter Leni passiert ist, man konnte ihnen damals nur sagen das sich ihre Spuren in Westerbork verlieren. Erst später fanden sie heraus wo ihre kleine Tochter Leni ermordet wurde.

Kaufhaus Familie Valk

Kaufhaus der Familie Valk

Walter Falk eröffnete eröffnete sein Bekleidungsgeschäft in Goch erneut. Er starb am 30. Juli 1962 in Goch.
Erna Valk setzte sich nach dem Krieg in ihrer Heimatstadt als Zeitzeugin ein um das Gedenken an ihre Tochter Leni aufrecht zu erhalten. Sie arbeitete mit jungen Menschen und erzählte ihre Geschichte, für ihren Einsatz erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. 1979 wurde die Realschule in Goch nach Leni Valk benannt. Erna Valk starb am 10. August 1993 in Goch.

Die Realschule in Goch trägt den Namen von Leni Valk, der in Sobibór aufgestellte Gedenkstein ist von der Schule gestiftet worden.

Erna Valk berichtet nach dem Krieg über ihren Leidensweg, hier ein Auszug:
Am 10. Dezember 1941 wurde ich, weil Jüdin, zusammen mit meinem Manne evakuiert, d.h. wir wurden aus unserem Vaterlande vertrieben. Der in Goch tätige Kriminalbeamte Kamper, der im Auftrage der Gestapo „arbeitete“, holte uns morgens früh in der Wohnung ab, die er verschloss. Er hatte kein gutes Wort für uns übrig und brachte uns nach Krefeld zum Zuge nach Düsseldorf, wo wir in die Hände der SS kamen. Einen kurzen Leidensweg machten wir vom Bahnhof bis zur Schlachthalle Düsseldorf. Wir mussten mit unserem Gepäck ziemlich schnell laufen. Alte, Kranke, Kinder. Es gab Fußtritte. Die Düsseldorfer standen an den Fenstern und Türen und einige weinten. Die Schlachthalle nahm uns auf, wo wir zu einem Transport von 1000 gesammelt wurden. Wir standen in der nassen Halle, ca. 24 Stunden. Jeder einzelne wurde einer Leibesvisitation unterzogen, und es wurden ihm alle wertvollen Sachen, doppelte Leibwäsche und das gesamte Reisegepäck abgenommen, ebenso alle Papiere. Am anderen Morgen standen wir stundenlang an einem Düsseldorfer Güterbahnhof. Die Kinder lagen im Schnee und weinten. Endlich fuhr unser Extrazug ab nach Riga. Wir waren 3 Tage unterwegs in einem ungeheizten Zuge ohne Wasser und Verpflegung. Abends kamen wir in Riga an und wurden bei 40° Kälte erst am anderen Morgen ausgeladen – Skirotava Güterbahnhof. Viele, besonders Kinder, hatten schon von dieser Nacht Frostschäden. SS-Posten brachten uns in das Ghetto-Riga. Das war ein Stadtviertel, worin früher die Verbrecherwelt gewohnt hatte und wo man später sämtliche Juden Rigas zusammengepfercht hat. Einige Tage vor unserem Einzug in das Ghetto wurden diese dort umgebracht. Es waren mehr als 24.000. Das Blut lag noch auf der Straße und wir dachten, dass uns dasselbe Los beschieden wäre. Doch uns sollte man nach Goebbels´ Äußerung langsam eingehen lassen wie Blumen, denen man kein Wasser gibt. Die Wohnungen, in die wir hineingetrieben wurden, waren in einem fürchterlichen Zustande, ähnlich denen nach einem Bombenangriff. So hatte die SS dort gehaust. Alles Wertvolle hatten sie geraubt. Die Schränke waren umgeworfen und alles lag durcheinander. Das gefrorene Essen stand auf dem Tisch, so wie die Menschen ihn verlassen hatte, als die Mörder kamen. Ich war sehr unglücklich, und trotzdem musste ich wie die anderen darangehen, die kleine Stube aufzuräumen, welche für 3 Familien ausreichen musste. Wir suchten und fanden in Abfallgruben gefrorene Kartoffeln und Möhren, die wir uns kochten. Hunger war schon groß und trieb´s herein. Die ersten 8 Tage  keine Lebensmittelzuteilung und das, war wir essen mussten füttert man hier nicht den Schweinen. Später bekamen wir 230 gr. Brot täglich und etwas Nährmittel.

Bald wurden alle Männer abtransportiert in ein ausgesprochenes Vernichtungslager, 18 km von Riga entfernt, Salapils. Ganz wenige, darunter mein Mann, kamen nach 7 Monaten in erschreckendem Zustande ins Ghetto zurück. Die anderen waren teils erfroren teils an Typhus gestorben, teils erschossen oder erhängt worden, meist wegen Tauschhandels mit Letten, denn, wer nicht sein Letztes vertauschte gegen ein Stück Brot, starb Hungers – die Frauen des Ghettos gingen auf Arbeitskommandos und zwar zum Schneeschüppen, in Fabriken und Wehrmachtsbetrieben. Sie kamen zu Teil mit Letten in Berührung, welche nach Sachen von den getöteten Juden fragten. Sie konnten alles gebrauchen, denn das reiche Lettland war durch die Deutschen vollkommen ausgeplündert worden. Was nun im Ghetto an Sachen herumlag, wurde morgens mit zur Arbeitsstelle genommen. Die Letten nutzten den Hunger der Juden aus und gaben ihnen Brot und Nährmittel in kleinen Mengen. Abends wurden die ins Ghetto hereinkommenden Kolonnen von der SS kontrolliert. Fand man bei jemandem Lebensmittel, so kostete das Leben. Täglich wurden Frauen oder Mädchen erschossen und Männer erhängt. Das war die Beschäftigung des Kommandanten, SS-Obersturmführer Krause, später Roschmann und Gimmlich. Der Galgen stand in der Mitte des Ghettos, und wenn wir abends todmüde von der Arbeit kamen, wurden wir dorthin geführt, um die Erhängten zu sehen. Doch auch dieser furchtbare Anblick durfte uns nicht entmutigen, weiter zu tun, was verboten war. – Ich hatte ein schweres Arbeitskommando, 4 Stunden zu laufen hin und zurück. Ich arbeitete in einer lettischen Fabrik, die alle Arten frischer Felle vom Schlachthof bekam. Diese mussten gereinigt, sortiert, gezählt gewogen und auf Stapel gearbeitet, d.h. gesalzen werden, was eine Spezialarbeit darstellt. Ich galt schließlich als gelernte Arbeiterin und verdiente 32 Pfennig pro Stunde. Unsern Verdienst bekam die SS, die dem Ghetto dafür die Lebensmittel kauften. Sie bestanden aus den minderwertigsten Sachen wie z.B. als Fisch Stichlinge oder Fischköpfe, als Gemüse Rhabarberblätter und verdorbenes Sauerkraut. Bewacht wurden wir im Ghetto von lettischen SS-Posten, die nachts in die Wohnung der alleinstehenden Frauen eindrangen und sie oder sogar Kinder in der gemeinsten Weise vergewaltigten. Unser SS-Obersturmführer war damit nicht einverstanden, denn hübsche Jüdinnen sollten nur für ihn sein. Einmal hatte er eine Wienerin, die er später erschoss. – Zur damaligen Zeit sangen die Menschen im Ghetto mit einer schweren Melodie folgendes Lied.

Wohin das Auge blicket – nichts als Eis und Schnee ringsum,
Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und stumm.
Denn uns hat man verbannt in ein fremdes Land als Jude

Morgens ziehen die Kolonnen durch den Schnee zur Arbeit hin.
Plagen sich bei russischer Kälte, nach der Heimat steht ihr Sinn.
Denn…

Auf und nieder ziehen die Posten, keiner, keiner kann hindurch.
Flucht kann nur das Leben kosten, fast umzäunt ist unsere Burg.
Denn….

Lasst das Weinen, lasst das Klagen, immer kann nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat Du bist wieder mein.
Dann sind wir nicht mehr verbannt in dem fremden Land als Juden.

Es liefen noch viele Juden-Transporte in Riga ein, doch nicht alle kamen ins Ghetto, sondern viele wurden direkt in den Hochwald bei Riga geleitet, wo Juden vorher große Gräber schaufeln und später zumachen mussten. Ein Gocher, Fritz Bruckmann, war bei diesem Arbeitskommando, welches im Zentralgefängnis Riga kaserniert war. Von diesem Kommando starben fast alle den Hungertod. – Am 12 Februar 1942 wurden aus dem Ghetto 1.500 ältere Menschen angeblich nach Duenamuende per Lastwagen verfrachtet. Man nahm ihnen vor dem Aufsteigen noch das für unterwegs mitgenommene Stückchen Brot ab und warf es auf die Straße, wo hungrige Kinder es schnell aufnahmen. Die Fahrt ging nirgendwoanders hin als auch in den Hochwald. – Später wurde das Ghetto aufgelöst. Alle 100%ig arbeitsfähigen kamen ins KZ-Wien, alle Kränklichen, Älteren und alle kleinen Kinder wurden in den Tod befördert, teils im Hochwald durch Erschießen und teils in Auschwitz durch Vergasung. Die meisten Eltern ließen ihre Kinder nicht im Stich und gingen mit ihnen. Einige versteckten die Kleinen in Kaminen und Schuppen und konnten sie dadurch zunächst retten. Mein Mann und ich waren unter den „Glücklichen“, die ins KZ wanderten. Uns Frauen wurden die Haare kahl geschoren, doch wir verzogen keine Miene dabei. jetzt mussten wir noch schwerer arbeiten und zwar im Tiefbau. Es ist mir gelungen, zusammen mit meinem Mann zu arbeiten. Wir mussten Kähne und Waggons mit Kies entladen. Loren laden und fortschieben, den Kies und Zement einschaufeln in Betonmischmaschinen etc. SS-Posten mit Gewehr standen hinter uns und außerdem Sträflinge beiderlei Geschlechts, die zur Arbeiten antreiben mussten. Abends kamen wir nach einem großen Fußweg todmüde in ein verlaustes und verwanztes Lager und bekamen unser Nachtmahl, bestehend aus einem Stücken Brot, etwas Aufstrich und Kaffee. Unser Mittagessen erhielten wir an der Arbeitsstelle, 1/2 Litr. Wassersuppe pro Person unter freiem Himmel bei eisiger Kälte oder Regen. – Das Männer- und das Frauenlager waren durch doppelten Stacheldraht voneinander getrennt. Jeden Abend vor dem Schlafengehen traf ich am Draht noch meinen Mann. Wir machten uns gegenseitig Mut und waren froh, uns am anderen Morgen in der Marschkolonne wiederzusehen; denn in einer Nacht konnte vieles geschehen. In dem Lager gab es Sträflinge, Mörder und Verbrecher, speziell dazu da uns zu quälen. Oftmals suchten sie sich in der Nacht Opfer. Es gab da manche Tote. Z.B. sie trieben die Männer aus den Baracken immer wieder heraus und hinein und schlugen vor der schmalen Ausgangstür mit dicken Knüppeln auf die Männer. In einer Sylvesternacht machte sich der Raubmörder Icks ein Vergnügen daraus, den Rudi Haar aus Leipzig die Kehle durchzuschneiden und ihn dann in die Abortgrube zu werfen. Oder er schlug Männer mit dem Kopf so lange gegen die Barackenwand, bis sie tot waren. Oder er ertränkte sie in der Duena. Auch mussten sich die schönsten Mädchen den Sträflingen hingeben. Sie wurden einfach nachts aus den Baracken geholt. die Sträflinge nahmen von der uns zustehenden Verpflegung das Beste fort. Mit allem war die SS einverstanden. Die Tage waren lang, denn wir mussten schon um 1/2 4 morgens aufstehen. Morgens und abends standen wir stundenlang Appell. Der Appellplatz war von uns gepflastert worden mit zerschlagenen Grabsteinen vom jüdischen Friedhof in Riga. – Alle 14 Tage mussten wir Frauen vor SS-Scharführern und unserer SS-Scharführerin nackt antreten. Sie erfreuten sich daran, unsern Körper nach Läusen zu untersuchen in einer Weise, worüber das Schamgefühl mir verbietet zu sprechen.

Eines Tages fühlte ich mich sehr krank, hatte hohes Fieber und kam ins Revier. Ich hatte Typhus. Rechts und links von mir sind die Menschen gestorben. Die Lagersuppe war Gift für die Krankheit und es war besser, sie nicht zu essen. Mein Mann ließ mir alles, was er entbehren konnte, zukommen, und so überstand ich’s. Es dauerte 3 Monate, bis man mich entlassen hat, denn ich war solang positiv. In der ganzen Zeit habe ich nicht eine einzige Nacht geschlafen. Hunderte von Wanzen waren in meinem Bett. – Nebenan war die Abteilung Abtreibung. Hier geschah Tag und Nacht Mord. – Polinnen, Litauerinnen, Ungarinnen, die nach uns der Freiheit beraubt worden waren, lagen hier und gebaren ihre Kinder. Ich habe interessehalber einmal zugesehen, wie die Abtreibung vorgenommen wurde, und dieses will ich hier nicht wiedergeben. Es kamen auch ausgetragene Kinder zur Welt, die wenn sehr kräftig, nach der Geburt durch –Spritze getötet wurden oder sonst einfach in einem Stechbecken ins eiskalte Klosett gestellt wurden. Sie wimmerten eine zeitlang, bis der Tod sich einstellt. Die armen Mütter habe ich bedauert, weil es mir einmal vergönnt war, das Mutterglück zu empfinden, und so konnte ich den Schmerz verstehen. Menschen, die wie der Arzt sagte, zum Tode verurteilt waren, noch bevor sie geboren! Ein Viertel Jahr später wurde das ganze Revier in den Tod geschickt. Es kamen Waggons aus Estland mit Juden, denen unsere Alten, Schwachen und Kranken beigefügt wurden – Richtung Auschwitz. Ich hatte also Glück, dass ich wieder gesund war. Ich bekam wegen guter Führung ein leichteres Arbeitskommando und zwar beim Feldbekleidungsamt der Luftwaffe in Riga. Dort war ich zunächst Sortiererin, später Abteilungsleiterin und aushilfsweise Stenosekretärin des Oberzahlmeisters. Ich bekam öfters Brot und Suppe und konnte das meinem Mann abends mitbringen. Vermittels einer Latte durch den Draht erhielt mein Mann das, was ich ihm zu geben hatte, mal war es etwas Essbares mal waren es gewaschene Socken. Bei der Luftwaffe hatten wir jeden Abend vor dem Abmarsch ins KZ Leibeskontrolle nach etwas „Organisierten„Sachen, und trotzdem 1/3 jeden Abend kontrolliert wurde, hatte bald jeder etwas bei sich, das ihm hätte das Leben kosten können, denn, wenn die Menschen es sich nicht so verschafften und ließen es durch andere auf Kommandos gegen Lebensmittel vertauschen, mussten sie verhungern. Mein Mann war schließlich für ein Kommando vorgesehen, welches die SS „Stützpunkt“ nannte, konnte aber durch unseren plötzlichen Abtransport nicht mehr dazu verwendet werden. Wie wir im Lager zufällig erfuhren, hatte das Kommando „Stützpunkt“ die Aufgabe, die Massengräber, wovon ich schon sprach, auszugraben und die Leichenreste zu verbrennen wegen der herannahenden Russen. Die damit beauftragten Männer wurden nach getaner Arbeit erschossen und auch verbrannt, damit die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte.

Eines Tages fand im Lager ein großer Appell vor dem SS-Arzt Dr. Krebsbach, anderen SS-Würdenträgern und Sträflingen statt. Es war mal wieder etwas los. Diese Appelle waren für jeden, denn keiner sah noch gut aus, sehr aufregend. Alle über 50 Jahre und alle Kinder bis 14 Jahren, alle Männer, die nur kleine Körperfehler hatten (ein bei der schweren Arbeit zugezogener Leistenbruch konnte zum Verhängnis werden) wurden ausrangiert. Ich war froh, zu der Partie der Jugendlichen gestellt zu werden, und hatte nur Sorge um meinen Mann. So kam es vor, dass im Männerlager ein Vater oder ein schwacher Jüngling und gleichzeitig im Frauenlager die Mutter und das Kind zu den zum Tode verurteilten gestellt wurden und auf diese Weise die ganze Familie erfasst worden ist. Zu meiner größten Freude sah ich am anderen Morgen meinen Mann wieder. Die Aussortierten wurden auf Lastwagen abtransportiert. Viele gute Bekannte waren darunter, und um diese war einem das Herz besonders schwer. In einem Nachbarlager, Straßenhof, wurden alle über 30 Jahre für die Gaskammer aussortiert. Die Panik unter den Kindern war furchtbar. Die Eltern erfanden die unmöglichsten Verstecke. Otto Schönewald aus Schiefbahn b/Krefeld vergrub sein 4-jähriges Söhnchen in die Erde, aber nachdem für das Kind 10 Juden erschossen werden sollten, holte er es aus dem Versteck hervor und ging mit Frau und Kind in den Tod.

Was geschah mit uns Arbeitsfähigen? – Bald darauf, Sonntag früh den 6. August 1944, mussten wir plötzlich alle antreten. Man brachte uns zum Hafen, und wir sahen einen großen Ostseedampfer, einen Truppentransporter, in den wir hineingetrieben wurden. Nach dreitägiger Fahrt kamen wir in Danzig an. Dort wurden wir mit Stockhieben ausgeladen und in Kähne verfrachtet bis Stutthof. Nachdem wir auch hier mit Stockhieben ausgeladen wurden, ging der Weg in das KZ-Stutthof, eine Welt für sich, unübersehbar groß. Wenn man Glück hatte, kam man da wieder heraus, und wir dachten an den Kommandanten des KZ-Riga, Sauer, der uns zum Abschied sagte: „Ihr werdet an das Paradies Riga noch mal zurückdenken.“

Es war die Hölle! Wir sind verschmachtet nach Wasser. Die Toiletten und Waschräume zu benutzen, war kaum gestattet. In langen Reihen mussten wir dafür anstehen und Qualen erleiden. Wir hatten nur ein Hemd und eine Hose. Es gab Prügel dabei. Um 9 Uhr morgens gab’s bereits Mittagessen, 1/2 Liter Suppe, eine rostige Schüssel für zwei Personen. Den Löffel hatten sie uns auch abgenommen  und es war nicht anders möglich, als das man etwaige Kartoffeln- oder Möhrenstücke mit dem Finger herausfischte. Es war dann eine lange Zeit zum Hungerleiden bis zum Abend. Dann gab’s ein kleines Stückchen Brot mit Aufstrich. Im Übrigen mussten wir dort den ganzen Tag Appell stehen von morgens 5 bis abends 7. Todmüde, kalt und hungrig schliefen wir zu 4 Frauen in einem schmalen Bett ohne eine Decke. Flöhe, Wanzen, Läuse – alles war da zu unserer Qual. Typhus und Ruhr, Dyphtherie, Geschwür in rauen Mengen. Die Menschen starben weg. Die Frauen wurden von den SS-Weibern und Sträflingen blutig geschlagen, totgeschlagen. Auch ließ man Frauen nach einem heißen Bad stundenlang nackend draußen in eisiger Kälte stehen. Viele wurden irrsinnig. – Ich wusste nicht, wo mein Mann geblieben war. (Walter Valk war am 13.08.1944 ins KZ Buchenwald überstellt worden – Anmerkung R.W. – s. Buch der Erinnerung, Bd. 2, S. 721)

Nach 5 Wochen wurde ich erlöst von dem schrecklichen Stutthof. Es kamen täglich Interessenten für Frauen, die gut arbeiten konnten: Großgrundbesitzer und Reichsbahninspektoren. Ich wurde eines Tages mit anderen Frauen ausgesucht für die Reichsbahn und kam nach Bromberg in Polen, wo wir unter Aufsicht von grausamen SS-Weibern mit Schlagriemen und Revolver bei KZ-Verpflegung in Wind und Wetter auf der Strecke arbeiten mussten: Schienen verlegen, Schwellen auswechseln, stoppen (in der Rotte) Waggons mit Schwellen und Basalt auf- und abladen etc. Sonntags: Schützengräben machen. Es war sehr qualvoll. Unser Lagerführer Kniffke, ein SS-Scharführer, war zu uns besser als der Reichsbahninspektor Ballhorn-Bromberg Ost, der uns revierfähig geschlagen hat, wenn er konnte. Unser Lagerführer hat sich sogar deswegen mit ihm überworfen; die Arbeit müsste ihm überlassen bleiben. Zwei Polinnen waren schwanger. Die eine gebar das Kind, die andere wurde mit Schwachen zur Vergasung nach Stutthof gebracht. Es war ein harter Polen-Winter. Unsere Sträflingskleidung war dünn, und auf der Strecke bläst der Wind. Auch kamen wir oft vollständig durchnässt abends im Lager an und mussten am anderen Morgen mit dem nassen Kleid und nassen Strümpfen und mit kaputten Holzschuhen wieder zur Arbeit. Mitten in der Nacht mussten wir zum Schneefegen in den Weichen heraus. Aber keiner wollte krank sein, denn das bedeutete den Tod. Ich hatte kurze Zeit das Glück, Kolonnen-Führerin zu sein. Mein Kommando hieß Bromberg-Hauptbahnhof. Damals brachte ich nicht auf der Strecke arbeiten, sondern hatte die Bude für die Meister und unsere Frauen zu wärmen. Ich bekam von meinem Meister täglich ein Butterbrot und den Rest seines Essens, was mich außerordentlich stärkte. Unsere Aufsichtsdamen, die SS-Weiber, wärmten sich auch auf in der Bude. Trafen sie Soldaten, so nahmen sie diese mit hinein, und ich musste die Herrschaften bedienen. In ordinärster Weise gaben sie sich mit den Soldaten ab, und wenn ich konnte, holte ich Wasser, damit ich nicht zugegen sein brauchte. Wenn unsere Frauen von Soldaten auf der Strecke Brot oder sonstiges zugeworfen bekamen, so nahmen die SS-Weiber ihnen das ab, zertraten es und prügelten. Eine SS-Dirne, Gerda Hesper aus Essen, war darin groß und es wäre zu wünschen, dass sie den Wert des Brotes inzwischen kennen gelernt hätte. Sie z.B. sagte uns jeden Tag: „Ihr müsst arbeiten bis Ihr verreckt.“ Uns war das schon gleichgültig. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir noch einmal in die Freiheit gelangen könnten.

Eines Tages machte mich mein Meister darauf aufmerksam, dass die Russen nicht mehr weit entfernt seien, und plötzlich am 20 Januar 1945 wurden wir von der Arbeit fortgerufen und mussten Bromberg schnellstens verlassen. Mit einem Nachbarlager, Branau, waren wir im ganzen 1.300 Frauen, die von den aufgeregten SS-Weibern, welche Sträflingskleider von uns eingepackt hatten landeinwärts getrieben wurde – Richtung KZ-Oranienburg. Es lag hoher Schnee. Die SS-Weiber trieben uns in einem furchtbaren Tempo. Auf einem ließen sie uns auf der Landstraße stehen und hauten ab. Wir waren uns selbst überlassen und verteilten uns auf Bauernhöfe mit der Absicht, auszukneifen. Doch die lettische SS, die dort kämpfte, kassierte uns wieder ein, und da begann erst das Treiben richtig. Wer es wagte, sich an den Rand der Straße zu setzen, um ein Bedürfnis zu verrichten, wurde erschossen. Unsere Rote-Kreuz-Schwester, die der begleitende Scharführer als überflüssig hielt, schoss er aus Wut zunächst in die Augen, und dann erschoss er sie mit ihrer Schwester. Viele haben schlappgemacht; sie wurden kurzerhand erschossen und in den Straßengraben gestoßen. Wenn es noch Angehörige von diesen gibt, können sie nie erfahren, wo die Betreffende geblieben ist. Jeden Augenblick knallte es. Die liebsten Kameradinnen sind so von uns gegangen. Es waren kolossale Strapazen 150 km. Abends kamen wir nassgeschwitzt in kalte Scheunen – keiner Verpflegung. Wir lebten schon tagelang nur von Schnee. Unsere Füße waren wund. Auch ich war am Ende meiner Kraft. ein Kameradin, Bella Hirschfeld aus Berlin, hat mir das Leben gerettet. Ich durfte mich an ihren Arm hängen, und sie hat mich mitgeschleift. Von Flatow bis Tempelburg in Pommern wurden wir in einem Güterzuge befördert. Wir mussten von abends  bis morgens 6 in einem offenen Waggon in hohem Schnee stehen. Eine Ungarin wurde irrsinnig. Am anderen Tage, mein Geburtstag, 29 Januar, übergaben uns in Tempelburg die SS-Posten einigen Volkssturmmännern. Sie erklärten, dass sie kaputte Füße hätten, sich behandeln ließen und uns am nächsten Tage wieder übernehmen und dann mit uns Schluss machen würden. Die Volkssturmmänner holten einen Eimer warmen Wassers und geben uns Armen zu trinken. Sie brachten uns ins nächste Städtchen, Falkenburg. Dort mussten wir in einer stilliegenden Ziegelei übernachten. Es waren nur noch ca. 40 Frauen von 1.300; die anderen lagen erschossen am Wege.

Ich machte mit 3 Kameradinnen den Plan, in der Nacht zu flüchten. Um 3 Uhr nachts verließen wir, nachdem wir unsere gestreifte Kleidung ausgezogen hatten, die Fabrik nacheinander durch eine Hintertür und – es fiel kein Schuss. Es war eine herrliche Winternacht. Der Mond schien hell auf den hohen Schnee. Wir humpelten in unsere Freiheit hinein. Die Kleider begruben wir in den Schnee und hatten nur noch ein dünnes Mäntelchen von der Reichsbahnarbeit über Hose und Hemd. Unsere noch kurzen Haare verbargen wir unter einem Tuch. Wir legten uns auf dem Weg zur Vorsicht andere Namen zu und warfen alles fort, was uns hätte verraten können. Kein gestreiftes Läppchen durfte mehr an uns sein. Wir kamen nach 14 km nach Dramburg in Pommern. Dort trieb uns der Hunger in eine Soldatenküche. Wir bekamen reichlich zu essen. Dann gingen wir zur N.S.V., gaben uns als „Flüchtlinge vom Osteinsatz“ aus und erhielten Geld, Lebensmittelkarten, den für uns so wichtigen Flüchtlingsausweis und eine 1 a Unterkunft im Hause eines großen Parteibonzen, der schon vor den Russen geflüchtet war und dessen Keller sich bogen von den besten Sachen. Wir kamen uns am Abend dieses Tages vor wie verzaubert. Gebadet, mit schöner, sauberer Wasche und Kleidung von der Frau Doktor saßen wir in einem schönen, warmem Zimmer, tranken guten Sekt und hörten die englischen Nachrichten. Nach 3 schönen Wochen ging’s weiter mit einem Flüchtlingszug bis Vorpommern, danach setzten wir 4 Frauen unsere Reise in Etappen fort bis zur Elbe, wo wir mit Hilfe eines Gocher Soldaten, Peter Engels, in einem Kahn über die Elbe zu den Amerikanern in die Freiheit gelangten und als Juden die erste menschliche Behandlung seit Jahren erhielten. Was für einen Menschen Freiheit bedeutet, kann nur der ermessen, der so gequält worden ist wie wir.

Endlich am 30 Juni 1945 konnte ich in meine Heimatstadt Goch zurückkehren. Nach 10 weiteren Tagen sah ich hier meinen Mann wieder, der von Stutthof aus nach Buchenwald und zuletzt nach Theresienstadt zur Vergasung gebracht worden war, wo er von den Russen befreit wurde.

Wir stellten sofort Nachforschungen nach unserem Kinde an, das sich zur Zeit unserer Deportierung bei Verwandten in Holland befand. Aber leider konnten wir bis heute nur erfahren, dass das Kind nach Belsen oder Auschwitz gekommen ist.

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Quelle: Erna Valk: Meine Erlebnisse in der Zeit vom 10. Dezember 1941 bis 30 Juni 1945 in: The Wiener Library, Ghetto Riga und Konzentrationslager Stutthof P.III. No. 367